Techniker Krankenkasse Chiropraktik
Artikel der Techniker Krankenkasse über die Chiropraktik

Chiropraktik bei Blockierungen

Am 06.04.2021 veröffentlichte die Techniker Krankenkasse einen Artikel mit dem Titel “Chiropraktik bei Blockierungen“, in welchem sich die Autorinnen mit der Chiropraktik auseinandersetzten. Leider war der Artikel, gelinde gesagt, ziemlich mangelhaft recherchiert. Von einer der größten, deutschen Krankenkassen hätten wir uns etwas mehr fachjournalistischen Scharfsinn erhofft. 

Im Folgenden können Sie unsere Stellungnahme zum Artikel lesen, welchen wir der Techniker Krankenkasse haben zukommen lassen.

Kommentar zum Artikel "Chiropraktik bei Blockierungen"

Schreiben an die Techniker Krankenkasse

Sehr geehrte Damen und Herren der Techniker Krankenkasse,

vorweg möchte ich mich für ihren Artikel „Chiropraktik bei Blockierungen“ vom 06.04.2021 bedanken. Über die Chiropraktik ranken sich nach wie vor viele Mythen und Halbwahrheiten. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern ist die Chiropraktik in Deutschland außerdem gesetzlich kaum reguliert. Es ist erfreulich, dass Institutionen wie die Techniker Krankenkasse ihre Reichweite nutzen, um über undurchsichtige, gesundheitsrelevante Themen wie dieses Klarheit zu schaffen. Bei der Durchsicht ihres Artikels bin ich auf einige Aspekte gestoßen, welche meiner Meinung nach entweder falsch dargestellt, missverständlich formuliert oder wissenschaftlich nicht ausreichend recherchiert wurden. Auf diese möchte ich im Folgenden kurz eingehen.

„Nach dem Grundgedanken der Chiropraktik lassen sich fast alle körperlichen Beschwerden auf Fehlstellungen und Blockaden von Gelenken zurückführen. Chiropraktiker sind daher der Ansicht, dass sich viele Erkrankungen wie zum Beispiel Migräne oder Bluthochduck durch die Beseitigung der gestörten Gelenkfunktion behandeln lassen. Dieser Leitgedanke ist nicht wissenschaftlich belegt und daher in der Medizin auch nicht anerkannt.“

In diesem einleitenden Teil verweisen Sie auf die Grundgedanken, im Sinne von historischen Gedanken, der Gründer der Chiropraktik. Wie Sie richtig darstellen, ist dieser Leitgedanke wissenschaftlich nicht belegt und daher in der Medizin auch nicht anerkannt. Wichtig und richtig wäre hier die Erläuterung gewesen, dass diesem Gedanken heutzutage auch in der akademischen Chiropraktik keine sonderliche Relevanz mehr zukommt. Chiropraktoren sind Spezialisten in der Diagnostik, Behandlung und Prävention von muskuloskeletalen Beschwerdebildern, mit einem Schwerpunkt von Wirbelsäulenleiden. Es gibt noch immer eine Minderheit dieser Berufsgruppe, welche sich auf die in ihrem Text beschriebenen Gedanken der „Subluxation“ als Ursache verschiedenster gesundheitlichen Leiden beruft. Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass heutzutage aber nur noch etwa 20% aller Chiropraktoren diese Gedanken teilen [i]´[ii]. Ihre Formulierung, dass „Chiropraktiker“ also generell die oben beschriebenen Zusammenhänge sehen und proklamieren, ist nicht korrekt und empfinde ich als akademisch ausgebildeter Chiropraktor als unangemessen.

Irreführend ist weiterhin, dass in ihrer späteren Auflistung Beschwerdebilder, welche aus empirischer Sicht in bestimmten Patientenpopulationen sehr wohl biomechanische Ursachen haben können (wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Gefühlsstörungen), undifferenziert vermischt werden mit klassischen, kardiovaskulären Symptomen wie Bluthochdruck. Zervikogene Kopfschmerzen oder pseudoradikuläre Syndrome sind keine „Idee“ der Chiropraktik, sondern herkömmliche medizinische Diagnosen.

“Durch unsachgemäße Technik des Chiropraktikers können Komplikationen auftreten, wie zum Beispiel Gefühlsstörungen oder Lähmungserscheinungen. Sehr selten kann eine chiropraktische Behandlung der Halswirbelsäule zu einer Schädigung der Schlagader führen: Blutgerinnsel können entstehen, die sich lösen, ein Hirngefäß verschließen und damit einen Schlaganfall auslösen.“

Es gibt mittlerweile einen sehr großen Fundus an Forschung zu diesem Thema, welchen ich für Sie bei Interesse gerne aufbereiten kann. Das Wichtigste in Kürze: Die Beschreibung der Assoziation geht in der Forschung nicht über Fallstudien und kleine Fallserien hinaus. Die jüngste systematische Übersichtsstudie zu diesem Thema aus dem Jahr 2016 von Church et al.[iii] kommt zu dem Ergebnis, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen Manipulationstechniken der Halswirbelsäule und der Entstehung einer Gefäßschädigung und daraus resultierenden Schlaganfällen gibt. Wie Sie wissen, sind systematische Übersichtsstudien das höchste Gut, welches wir in der Forschung besitzen.

Amerikanische Daten zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Dissektion der Arteria vertebralis nach einem Besuch bei einem Chiropraktor statistisch identisch ist mit der Wahrscheinlichkeit nach einem Besuch bei einem Allgemeinmediziner [iv]. In Anbetracht der Tatsache, dass Allgemeinmediziner in den USA gewöhnlich keine Wirbelsäulenmanipulationen durchführen, deutet der Kausalpfeil nicht auf Wirbelsäulenmanipulationen hin. Es scheint nicht die Behandlung selbst die Dissektion zu verursachen, sondern die Dissektion besteht bei Vorstellung bereits. Diese bedingt den typischen Nacken- und Kopfschmerz und führt den Patienten zum Hausarzt oder Chiropraktor, egal ob dieser dann “manualmedizinisch” tätig wird oder nicht. Anstatt des Vorliegens eines kausalen Zusammenhanges, geht man somit mittlerweile von einem protopathischen Bias aus.

“Für ältere Menschen, die unter Rheuma, entzündlichen Gelenkerkrankungen oder Osteoporose leiden, ist die chiropraktische Behandlung nicht geeignet”, sagt Rudnick. “Auch Knochenerkrankungen oder akute Bandscheibenvorfälle gehören nicht in die Hände eines Chiropraktikers”, so die Ärztin für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren.”

Meine KollegInnen und ich behandeln viele PatientInnen mit Rheuma, Osteoporose oder akuten Bandscheibenvorfällen. Mir stellt sich die Frage, worauf sich diese Aussage stützt.

Eine mögliche Erklärung wäre der semantische Fehler „Chiropraktik“ mit Manipulationstechniken gleichzusetzen. Chiropraktik ist eine Berufsgruppe, keine Behandlung. Ich persönlich nutze in meiner täglichen Arbeit eine Vielzahl manueller Behandlungstechniken. Diese beinhalten neben der Manipulation und Mobilisation, neurodynamische Behandlungsansätze, myofasziale Lockerungstechniken, Bausteine der Bewegungstherapie sowie Aufklärung und Anleitung zur Selbsthilfe. Pathoanatomische Veränderung und das Vorliegen von Krankheitsbildern spielen bei der Auswahl von Behandlungstechniken selbstverständlich eine wichtige Rolle. Das ist absolut richtig. Sind diese allerdings eine Kontraindikaton, um sich vom Chiropraktor behandeln und / oder beraten zu lassen? Definitiv nicht.

Auch wenn er sicherlich anders gemeint war, möchte ich abschließend anmerken, dass ich einer Teilaussage des obigen Absatzes etwas abgewinnen kann. Die beschriebenen Erkrankungen „gehören nicht in die Hände eines Chiropraktikers“. Nein. Meiner Meinung nach wären sie oft in den Händen eines Chiropraktoren oder einer Chiropraktorin besser aufgehoben. In den meisten Ländern der Welt ist Chiropraktik gesetzlich reguliert. So dürfen nur TherapeutInnen den Namen „Chiropraktik“ in ihrer Berufsbezeichnung verwenden, wenn Sie ein Studium der Chiropraktik (in der Regel 5-6 Jahre) absolviert haben. Die Studiengänge sind international akkreditiert und die Kerncurricula angepasst [v]. So kann sichergestellt werden, dass Vertreter der Chiropraktik beispielsweise in Skandinavien, Großbritannien, Südafrika, den USA oder Australien die gleiche akademische Ausbildung absolviert haben. In Deutschland hat die Existenz des Heilpraktikergesetzes, gepaart mit einer bisher noch nicht realisierten gesetzlichen Regulierung dazu geführt, dass es unzählige „Chiropraktiker“ gibt, derer beruflichen Identität kein Ausbildungsstandard zu Grunde liegt.

Die Deutsche Chiropraktoren Gesellschaft ist in Deutschland der Berufsverband, welcher die Vertreter der akademischen, international akkreditieren Chiropraktik repräsentiert. Diese Information hätte ich für interessierte LeserInnen ihres Artikels sehr wertvoll und wichtig gefunden.

Denn am Ende des Tages – und dies ist ja auch der Grundtenor ihres Artikels – ist es die Patientensicherheit, welche im Vordergrund stehen sollte. Unsere Aufgabe dabei ist es, weiter an den gesetzlichen Grundlagen dafür zu arbeiten. Ihre kann es sein, ihre Kunden im Sumpf dieses Chaoses weiter bestmöglich zu informieren.

Danke, dass Sie sich dieses Themas annehmen.

Mit freundlichen Grüßen,

Matthias Jeschke

MChiro, Bournemouth University

 

Quellen:

[i] McGregor M, Puhl AA, Reinhart C, Injeyan HS, Soave D. Differentiating intraprofessional attitudes toward paradigms in health care delivery among chiropractic factions: results from a randomly sampled survey. BMC Complement Altern Med. 2014 Feb 10;14:51. doi: 10.1186/1472-6882-14-51. PMID: 24512507; PMCID: PMC3922917.

[ii] Gíslason HF, Salminen JK, Sandhaugen L, Storbråten AS, Versloot R, Roug I, Newell D. The shape of chiropractic in Europe: a cross sectional survey of chiropractor’s beliefs and practice. Chiropr Man Therap. 2019 Apr 10;27:16. doi: 10.1186/s12998-019-0237-z. PMID: 31007897; PMCID: PMC6456953.

[iii] Church EW, Sieg EP, Zalatimo O, Hussain NS, Glantz M, Harbaugh RE. Systematic Review and Meta-analysis of Chiropractic Care and Cervical Artery Dissection: No Evidence for Causation. Cureus. 2016 Feb 16;8(2):e498. doi: 10.7759/cureus.498. PMID: 27014532; PMCID: PMC4794386.

[iv] Cassidy JD, Boyle E, Côté P, He Y, Hogg-Johnson S, Silver FL, Bondy SJ. Risk of vertebrobasilar stroke and chiropractic care: results of a population-based case-control and case-crossover study. Spine (Phila Pa 1976). 2008 Feb 15;33(4 Suppl):S176-83. doi: 10.1097/BRS.0b013e3181644600. Erratum in: Spine (Phila Pa 1976). 2010 Mar 1;35(5):595. PMID: 18204390.

[v] World Health Organization. WHO guidelines on basic training and safety in chiropractic. Geneva: World Health Organization; 2005.